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addict to saddle&pedal

Der Frühling ist schon längst im Lande, sämtliche Radfahrenthusiasten haben ihre Gäule aus dem Verlies geholt und ihre Sättel liebevoll sauber gestreichelt. Der perfekte Zeitpunkt um wieder zum Last Man Standing zu laden. Die Veranstaltung von fixedgear.at geht mittlerweile in die dritte Runde und ist schon lang nicht mehr als gemütlicher Fixie-SSP-Grilltreff einzureihen…frei nach dem Motto: „Alles neu macht der Mai“ hat sich einiges verändert, die Auswahl der Start-Varianten erinnert mehr an ein all you can eat Buffet in einem Asia Restaurant, sprich für jeden etwas dabei. Die Sponsorenpalette hat sich wieder vergrößert und ein neuer Austragungsort hat sich ebenfalls gefunden. Erstmals konnte man sich als eingefleischter Velosoph einem 24h, 12h Nacht, 12h Tag oder 6h Tag Rennen einschreiben und gegen seinen Schweinehund antreten. Für mich war es sonnenklar, süchtig nach Bewegung und meinem Lenkerband, musste ich mir und meinem Schweinehund nach meiner Verletzung etwas beweisen,… „Herzlichen Dank ihre Anmeldung für 24h wurde soeben bestätigt.“

17.04.2010 07:00-20:00

Mein Handywecker reißt mich aus meinem REM-Schlaf wie ein Griff auf eine stromführende Leitung, komplett übermüdet von 3h Schlaf und einer durchzechten Nacht gilt es noch die letzten Kleinigkeiten für Armin zu erledigen. Was soll das nur für ein Tag werden kaum 3std auf den Beinen ist schon der zweite große Braune über die trockene Kehle geleert. Nach mehrmaligen Wagenladungen Gebäck, Bananen für einen Käfig voller Narren trete ich noch den Heimweg für ein kurzes Schlaferl an.

Erneute Einfahrt des K550i Weckers in der REM-Phase meiner Wenigkeit, gnadenlos und beinhart. Meine Freizeit ähnelt oft mehr meiner Grundausbildung beim staatl. Sport-Musikverein mit Jagdambitionen. Im Blitztempo werden die Ikea Taschen (bestes Sackl wo gibt) mit Radutensilien die man für so ein Rennen benötigt, gefüllt. Ein kurzer Wechselduschen-Schock zum „munterwerden“. Nächster Halt: Blaue Lagune. Kaum zu glauben was sich hier getan hat, innerhalb weniger Stunden wurden mehr als 1,5tonnen Material von den freiwilligen Helfern aufgebaut. Schnell wird noch angepackt wo Hilfe benötigt wird, Montage der Lampenmasten, herumschleppen diverser Sessel und Tische. Andere übereifrige Starter rollen schon weit vor dem Start in die Arena der Leiden ein, gemütlich bei Bier und Wurstsemmel werden die Strategien & bestimmte Teile der Strecke abgeklärt. Nach dem Einstand 16er&Zigarette geht es für mich ab auf die Strecke. Bei den letzten Sonnenstrahlen komm ich mir vor wie auf einem Go-Kart Kurs, hier wird mehr Kurvenarbeit geleistet als bei sämtlichen anderen Stadtkriterien. Der Flair der preisgekrönten Häuser mit perfekt liebevollgestalteten Vorgärten lässt mehr an das Set Desperate Housewifes erinnern als an eine Arena der Leiden. Fehlen jetzt nur noch die Stars der „Strecke“ mit den Kurven heißer Hausfrauen wäre dann mit dem Kurs vielleicht doch zu anspruchsvoll.

17.04.2010 20:00 – 06:00

Letzte Kontrolle, Radcomputer, Licht vo+hi sind montiert, Brillengläser sind gereinigt und warten auf die Fliegenkadaver durch mein Blitztempo. Sämtliche 24h Solo & Team haben sich ebenfalls schon eingefunden und können es kaum erwarten mit ihren Rössern endlich in das Kolosseum der Schlaflosen einzufahren. 10nach8 schreibt die Uhr, Schmähs & blöde Sprüche untermalen die leicht nervöse Start-Stimmung. Nach einem Krächzen von Armin’s Fanfare durch unsachgemäße Hantierung und einem lauten Lachen der gestarteten Fahrer werden die ersten Runden mit Jubel und Freude herunter gespult. Unter den fixierten Startern gibt es ein paar übermütige Kurvensüchtige, Scheitelpunkte werden mit Pedalen markiert, in den wohl schönsten Beton seit es Last Man Standing gibt. Nach gefühlten 50 Runden der erste Blick auf den Tacho, enttäuschend, verwundernd… die harte Ehrlichkeit des digitalen Zeitalters zeigt mir erst 30km (1 Runde = 1,085km). Durch den Drehwurm zwischen Schikanen und Kurven verliert man zwar schnell das Zählen der Runden. „Fährst du schon oder zählst du noch?“ Die Motivation ist nachwievor auf 100 und die Freude am pedalieren macht mit zunehmend wanderndem Mond immer mehr Spaß. Mit auflockernden Renngesprächen, Offenbarungen diverser Vergangenheiten oder Telefonaten halten sich so manche Teilnehmer gegenseitig fit. Freundliches Grüßen anfeuern oder Schulterklopfen bei Überholvorgängen sind fast Normalität.

Erster Boxenstopp, Kilometerstand 100, Grund: undurchdringbare Grillduft-Barrikade im Start-Ziel Bereich. Feinst von Speck ummantelte Frankfurter gefüllt mit Käse wurden von den wohl stärksten Händen des Events feinsäuberlich am Grillrost positioniert und erschwerten mir quasi das überqueren der Startlinie zunehmend. Angetrieben von Magenknurren und meiner Fresssucht wandern meine Finger zum Ursprung der Fleischeslust in Materien Form. Jedoch plötzlich eine Meldung wie geschossen mit einer grollige Stimme die mich zurückzucken ließ: „Greif no amoi hi und du verbrennst di“ Der Zacki-Mann, ein Urgestein an WienerSchmäh, Werkstattgott und neuerdings auch Grillmeister weiste mich mit schwarzem Humor „höflichst“ auf die Grilltasse mit den schon erfolgreich geschmorrten Fleischwahnsinn hin. Wir erinnern uns zurück, wie viel unglaubliches vollbrachte und sich damals bei seiner erfolgreichen Duplizierung 2009 als Werkstatt und Grillmeister sämtliche Starter vor dem Hungertod rettete & deren Rösser wieder zum rollen brachte.

Das schwierigste Unterfangen des ganzen Rennens, nach den Stopps wieder ins Rennen zu finden, sind BBQ, Grill, Witze & Bier doch verlockender als sich den Hintern wundzuradeln. Doch auch ich saß mich stur wieder auf mein Fixie und ehrte meine Rahmen-Message „Ich bin Giant“ Runde für Runde. Der Mond der schon längst seine Kurve am klaren Nachthimmel wanderte, ließ jetzt jegliches Zeitgefühl auf der Strecke versinken. Bei so manchen Fahrern machte sich die Müdigkeit bemerkbar: aerodynamisch nicht vorteilhaft: gähnen; Schwung & Massetechnisch nicht vorteilhaft: zu starke Kurvenlage, verbremsen; Fast schon aufmunternd, wenn man sich selbst im Schatten fahren sieht aufgrund einer LED Beleuchtung des Hintermanns, ehrgeizig versucht man ein bisschen schneller zu fahren wird aber folglich dafür bestraft in dem man seinem kurveninneren Pedal dem Beton der Strecke vorstellt. „ÖHA! Do spritzns“ dröhnt eine Stimme von hinten rechts, erneut: „Herst du spritzt Funken! Sog is des gsund?“ Mr. Proper, Spongebob’s Bestfriend und Leoparden-Leggins Träger schaffte es nicht nur einmal mich aus meinen schlafgesteuerten Runden zu wecken. Eigentlich war er ja schon arm, der Spongebob, hat ihm der Proper ja ständig sein Inneres leergefressen 24h lang. Ebenfalls immer brav dabei die zwei Stylegranaten Seb und Flo die stur und brav ihr Tempo dahin schlenderten. Mr. „Kurvenass no.1“ Sumo legte erstaunliche Manöver auf seinem Liegerad hin und lies wie letztes Jahr jeden in Ehrfurcht vor seinen Wadln erzittern.

Als einziger im kurzen Beinkleid war für mich in der vierten Morgenstunde nach Mitternacht, temperaturbedingt Sendepause. Gesteuert von Fressattacken, Koffein und Taurinwahnsinns gesellte ich mich in das Quartier der Rennleitung und Zuflucht anderer „Taufrischgekühlten“. Nach mehreren misslungenen Versuchen Schlaf zu finden bestieg ich nach 06:00 erneut den Sattel und fuhr mein persönliches Rennen gegen den inneren Schweinehund zu Ende.

18.04.2010 06:00-20:00

In den Morgenstunden eines fast schon normalen Sonntags trudelten die nächsten motivierten Starter für 12h ein. Selber Prozess wie immer, Haftausschlussklausel unterschreiben, Startnummer montieren, Kaffee und evtl. Zigarette zum beleben von Geist und Körper. Die Sonne ist schon längst aufgestanden und wärmt die rollende 12h &24h Tiefkühlware von Minute zu Minute auf Otto-Normal-Temperatur. Nach 08:00 vermischt sich die Masse mit km-jungfräulichen Gesichtern und denen deren Schlaffalten mehr der Wiener Tangente als einem menschlichen Gesicht gleichen. Der mittlerweile berüchtigte Anstieg nach der Romantikbrücke bekam mittlerweile sämtliche Spitznamen: „Die Sau“ „Die Hur“ „Der Hund“ wurde freundlich begrüßt mit „net scho wieder“ „so a Schas“ oder schlichtweg mit einem Urschrei flach gebrüllt. Ich möchte nicht wissen wie viele Fotografen, Filmer und Helfer sich hier ins Fäustchen gelacht haben. Nach mehr als 200mal ist nur mehr Sterben schöner. Der Sonntag war der Tag der Entscheidung, jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen, die 12h Starter pushen 24h Starter und umgekehrt. Untermalt von kühlen Westwind und faalen Sonnenlicht war es keineswegs ein warmer Frühlingstag für die Fahrer. Jetzt scheint die Zeit still zu stehen, mittlerweile kennt man jeden Vorgarten, jeden Pflasterstein, jeden blühenden Löwenzahn, Tafel des Geländes vereinzelt zählt man noch die Laternenmasten, Häuser oder lacht an stattdessen einen Fotografen nach dem anderen in die Linse.

Die Mittagszeit schwindet, der Nachmittag & Start der 6h Variante des LMS nähert sich. Frisch und wohlgelaunt kommt so mancher Teilnehmer frisch von der Betreuung des Vienna City Marathons. Selbe Prozedur Unterschrift, Startnummer drauf ab in die Wechselzone, das Feld wird erneut durchgemischt. In der Ruhezone sammeln sich mittlerweile ein paar Starter mehr, die noch immer darüber überlegen doch noch ein-zwei Runden drauf zuhängen. Wie die Tiere würde man sagen. Der Griller wird erneut angeworfen und die Zone für die Aufstockung des Kalorienhaushalts füllt sich von allein. POWERBAR Riegel sind mittlerweile heißumkämpfte Ware und werden am Schwarzmarkt der Blauen Lagune zu Höchstpreisen unter Fahrern gehandelt. Der innere Schweinehund der Fahrer scheint von Runde zu Runde geschwächt zu werden, aber an ihrem eisernen Willen wird gerüttelt, mehr Besucher die Bier schlürfen, Witze reißen und der Musik aus der Fan-Zone frönen. Genau sowas macht die ganze Gschicht nämlich nicht einfacher. Die Versuchung den Schweinehund zu unterdrücken fällt natürlich schwer und so erwischt man sich im Laufe des Tages bei dem Gedanken gleich in den Sonnenstuhl zu hupfen, Völlerei und Gesellschaft im ungeahnten Ausmaß zu konsumieren.

Letztendlich verfliegt für die außenstehenden Personen durch Plauderei über Material, Rennen vermischt mit Nahrung und Elektrolytaufnahme wie im Umdrehen. Für so manchen Fahrer wird das Rennen immer enger und interessanter, es werden Runden um Runden gekämpft und herausgedrückt wie der letzte Rest aus einer Zahnpasta Tube. Die Sonne hat ihre Wanderung über den ganzen Tag schon wieder bald abgeschlossen und die meisten Fotografen haben ihre Blitze wieder gezückt. „Immer brav lächeln und winken“ auch wenns schmerzt. Was ist ein Rennen ohne die vielen Paparazzos die an jeder beliebigen Ecke stehen, für ein gutes Foto legt man sich ja dann doch noch fest in den Sattel & die Kurven. Wie eine Erlösung dann das Ende des Rennens, so manchen konnte man einen halben Roman aus dem Gesicht ablesen. Jedoch was wird man herauslesen sicher Müdigkeit, Schmerz und insbesondere Spaß.

Und wie es schon letztes Jahr die Rede war, kann es nur eine Möglichkeit für diesen Event geben, eine erneute Auflage zu realisieren. In dem Sinne jeden Fahrer die Möglichkeit sich wieder seinem frühjahrsmüden Schweinehund beim LastManStanding zu stellen.

Wir kommen wieder!

Besonderer Dank an TREK Vienna für die finanzielle Unterstützung & den technischen Support.
An Herr Skall und Herrn Ing. Rzepa für die Ermöglichung und Realisierung des Austragungsortes in der Blauen Lagune sowie an RedBull, Ströck und Powerbar für die Versorgung unserer Teilnehmer.



Nikolei von VELOSOPHISM für FIXEDGEAR.AT

DER EVENT IN ZAHLEN:
300 Würstel jeglicher Art, 10kg Brot, 400 Semmeln & Weckerln, 72kg Bananen, 2 Transporter 2km Stromkabel, 4700 Watt Flutlicht, 10kg Espresso, 360 Dosen RedBull, 240 RedBull PowerShots, 300 Flaschen Bier und eine Hand voll Helfer!